Das Bautagebuch - Der Countdown läuft...

Irgendwann zu Beginn 2020 stand fest: ich werde mittelfristig wieder eine Modellbahn aufbauen. Das Ende meiner politischen Amtszeit und die sich abzeichnende Corona-Situation ließen daraus dann Mitte 2020 eine kurzfristigt umsetzbare Planung werden. Aber es ist kein Lockdown-Projekt, es ist langsam gewachsen und hat - ich glaube das konnte ich zeigen - seine Anfänge durchaus in einer anderen Zeit. Aber wo realisiert man eine Modelleisenbahn? Keller- und Dachbodenbahnen scheiden für mich aus - da wäre zwar Platz ohne Ende, doch sind diese Orte klimatisch kritisch. Im Haus ist zwar viel Platz, aber der ist anderweitig belegt. Also erst einmal sehen, wo etwas geht, welche Möglichkeiten die verschiedenen Optionen eröffnen. Schon während des Sommertörns wird viel Papier mit diversen Entwürfen für final zwei Standorte im Haus gefüllt. Letztlich bleibt das eigene Arbeitszimmer als einfachste Lösung übrig: ein blöder Raum im Anbau, kaum vernünftig nutzbar weil auf 16qm mit drei (3!) Türen, einer vierstufigen Treppe sowie zwei Fenstern gesegnet. Eigentlich für alles völlig ungeeignet, darum ja mein Arbeitszimmer ;-) Doch gerade das reizt mich, zumal der große Keller - leider nicht für eine Bahn zu nutzen - mit gut ausgestatteter Werkstatt und einem großen Arbeitsraum nur drei Stufen weit weg ist. So gibt es erste 1:1-Tests der Planung - und damit beginnt dann auch die große Aufgabe der Lieferdienste. Leider kann ich ja wegen der Corona-Einschränkungen nicht vor Ort ins Fachgeschäft gehen, alles ansehen, mich beraten lassen, einkaufen. In Dortmund gibt es solche Fachgeschäfte ja immerhin noch. Also via Internet bestellen. Für die Beratung, für Erfahrungen und das fachliche Urteil müssen eben dann die Kolleginnen und Kollegen über die Foren mithelfen. Ja, auch Kolleginnen, es gibt erfreulich viele Frauen in den Modellbahn-Foren!

Auf Teppich und Tisch muss überprüft werden, ob sich das, was der Zeichenstift da zu Papier gebracht habe, auch tatsächlich wird realisieren lassen. Vorgaben: Mindestradius 480cm, keine S-Kurven, Höchssteigung 2,5%, kleinster Weichenwinkel 15°. Und als Grob-Thema: Endbahnhof mit viel Rangiermöglichkeit, darunter ein kleiner Abstellbahnhof, möglichst gut zugänglich. Alles mit der Option der Erweiterung durch temporäre Anlagenteile. Also Anschlussstellen für zusätzliche Teilstücke einplanen, die aber für einen normalen Betrieb nicht notwendig sind. Aber was soll´s denn nun bitte genau sein? Ich bin kein Nietenzähler und ich werde mir auch nicht den Wecker stellen, damit der Frühzug pünktlich abfahren kann. Was ich will: die Loks fahren lassen, die ich aus meiner Kindheit und Jugend kenne. Das Eisenbahnerlebnis im Kleinen wieder aufleben lassen. Damit ist die Epoche der Anlage vorgegeben: Nachkriegszeit bis etwa in die 70er Jahre. "Das ist Epoche III" werden Kenner jetzt gleich anmerken, denn natürlich gibt es auch dafür strenge Regeln. Für mich ist das die interessanteste Zeit der Eisenbahn. Es gab sie noch, die Dampfloks, jene, die den Krieg überstanden hatten. Teilweise wurden noch alte Länderbahnmaschinen eingesetzt, Rückkehrer von irgendwo, denn durch den Wahnsinn der Nazis hatte sich das rollende Material auf dem ganzen Kontinent verteilt. Gleichzeitig entstanden neue Dampfloks, denn man entwickelte die Technik weiter, hatte die Zeichen der Zeit lange nicht erkannt. So konnte ich auch die Baureihe 10 sehen, die 23 und einige andere Neubauloks. Aber die Dieselloks holten auf, überall begegneten einem die roten Stinker, V60, V100, V160, V200 und sogar die große V320 - ich habe sie alle im Einsatz gesehen. Die "elektrischen" haben mich weniger interessiert, erst die E03 nötigte mir wirklich Respekt ab, Schnellfahrt von München nach Ulm, 200km/h - das war ein Erlebnis! Wobei die ganz alten E-Loks - meist in Süddeutschland eingesetzt und für uns daher unerreichbar - fand ich auch prickelnd. Auf der Klassenfahrt nach Schluchsee habe ich sie dann im Höllental erlebt. Wobei mir dort ein nachgeschobener Dampfzug lieber gewesen wäre...


Verstoß gegen die Epoche, aber Begeisterung bei den Enkeln, wenn Milch-Schnitten im Anflug sind...

Aber ganz ehrlich: es wird kein Fahrverbot für Loks und Wagen geben, nur weil sie als Nummer die Computer-Zahlenkolonnen der Epoche IV tragen. Darum darf auch der Milchschnitten-Wagen fahren - das gibt Applaus auf offener Bühne. Auch das Bullauge darunter ist ein Gag für meine Enkel: hier können sie auf Augenhöhe die Züge in den Abstellbahnhof fahren sehen, sie kommen direkt auf sie zu, ein begehrter Logenplatz! Auf jeden Fall will ich Züge fahren sehen, daher kommt es mir auf Betriebssicherheit an. Ob da nun die Bremsschläuche orginal nachgebildet sind und die Zahl der Speichen stimmt, spielt weniger eine Rolle. Der Gesamteindruck zählt. Und das gilt auch für Landschaft und Betriebsthema: ich werde keinen Bahnhof 1:1 nachbauen, keine Streckenführung imitieren und kein Betriebskonzept übernehmen. Ich möchte, dass es so wirkt, als könne es so sein oder als könne es so gewesen sein.

Nun also los, an die harte Arbeit. Endlich kommt der Tag, an dem die Säge sägt! Der Flur verwandelt sich in eine Schreinerei. Noch sind die Baumärkte geöffnet, so dass vor Ort nach Material geschaut werden kann. Doch am Horizont deutet sich an, dass wir auf einen weiteren Lockdown zumarschieren. Zwar ziert sich unser Landesvater Laschet, die Realität anzuerkennen, sorgt sogar mit dafür, dass eine von der Bundeskanzlerin vorgeschlagene schnelle Kontaktverminderung erst Wochen später beschlossen wird - doch selbst so ein unschlüssiger und entscheidungsschwacher Ignorant wie Laschet wird seine Augen nicht mehr lange vor der Wirklichkeit verschließen können. Die Zeit drängt also. Noch können gehobelte Rahmen und Kanthölzer im Baumarkt selbst ausgesucht werden, krumme Hunde kann ich für sensible Teile wie den Unterbau nicht brauchen. Hier werden sie in L-Träger verwandelt. Dicke Schaumstoffsegmente (früher als Matratze scheuten sie das Licht des Tages) schonen dabei die sensiblen Knie, meine Enkel machen erste handfeste Erfahrungen mit Bohren, Senken und Schrauben. Insgesamt wandern sage und schreibe 200 Schrauben, 5x70, natürlich TORX-T20-Kopf, ins Holz. 200! Nicht zu fassen.

Erste Träger nehmen ihren Platz ein. Stabile Wandkonsolen, vorher für den sicheren Halt von Schreibtisch und Regalen zuständig, sorgen nun für die Statik der Anlage.

Klare Vorgabe: die Oberkante der Möbel ist als wichtige Auflage für die Rahmen gesetzt und damit ist die Bauhöhe vorgegeben. Der Bahnhof wird fast auf Augenhöhe liegen. Wunderbare Perspektive.

Großer Nachteil: meine Enkel werden nur die Unterwelt sehen, aber das wird durch die kleine Treppe wieder aufgewogen - da haben sie die Drohnen-Position mit dem totalen Überblick.


Der Unterbau des Hauptteils ist fertig!

8 und 10mm Sperrholzplatten aus Buchenholz bilden die Unterlage, darauf kommt eine 10mm starke Korkschicht zur Geräuschisolierung...

...und darauf dann die Gleise. Hier die Einfahrt in den unterirdischen Abstellbahnhof, schön elegant und platzsparend mit Bogenweichen. Drei Wochen später, als die ersten Probefahrten möglich sind, der erste Rückschlag: es stellt sich heraus, dass die Bogenweichen auf Grund von Fertigungstoleranzen (Erklärung aus dem Forum, eine andere habe ich aber auch nicht) manche Wagen entgleisen lassen. Da dies im verdeckten Bereich manchmal nicht sofort bemerkt wird und auf jeden Fall eine größere Rettungs-Aktion erfordert, muss ich umdenken.

Der Bereich wird neu geplant, umgebaut, es kommen Normalweichen zum Einsatz, die sind sehr betriebssicher. Jetzt bin ich froh, dass ich hier die Gleise nicht geklebt sondern geschraubt habe. Das ist zwar vom Standpunkt der Geräuschminimierung nicht optimal, aber man kann beliebig lange korrigieren und - wie jetzt - sogar komplett umbauen. Leider verkürzen sich durch die geänderte Gleisentwicklung die Abstellgleise um gute 15 Zentimeter, aber das ist eben nicht zu ändern. Die hellen Gleise sind übrigens Betonschwellengleise, davon konnte ich einen größeren Posten zu einem unschlagbaren Preis kaufen. Hier sieht´s ja keiner...

Und jetzt ein historisches Foto: Am 30.11.2020, nach gerade mal einem Monat, hat um 2253 Uhr der erste Zug das erste Mal einen provisorischen Kreis befahren. Die Verdrahtung in Teilen noch mit Krokodilklemmen, die Gleisbretter an mehreren Stellen mit Schraubzwingen gehalten - aber es fährt! Und wie! Nach nur einem Monat!

Probefahrten, immer und immer wieder. Das Problem: ich habe ja nur einen beschränkten Fahrzeugpark, schließlich fange ich bei Null an und muss sehen, dass ich schnellstens die verschiedensten Fahrzeuge bekommen: Drehgestell-Lokomotiven, Loks mit Vorlaufachsen, lange Vierachser-Personenwagen, Dreiachser, Güterwagen der unterschiedlichen Firmen - einfach um die Gleise und Weichenstraßen auf Betriebssicherheit hin kontrollieren zu können. In einer Zeit ohne Internet und ohne gut eingespielte Lieferfunktionen auch der kleineren Fachgeschäfte wäre dies alles gar nicht möglich gewesen. Und was da vor dem schweren Güterzug die Steigung hinaufkeucht, ist in Natura meine absolute Lieblingslok, damit auch die erste, die die Gleise von Timmerbruch befuhr: die gute alte P8, Baureihe 38, einst das "Lebendige Denkmal der Preußischen Staatsbahn" - so Karl Ernst Maedel in den "Bekenntnissen eines Eisenbahnnarren".

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