Timmerbruch - Das gibt Ärger...

Der Lademeister ist echt sauer, hundert Mal gesagt und schon wieder liegt das Holz falsch, versperrt die Seitenrampe und da kommt doch gleich ein Schwertransport. Okay, kann uns egal sein, sollen die es unter sich ausmachen. Es ist auf jeden Fall viel Betrieb in Timmerbruch-Ost. Und während vorn Obstkisten verladen werden (sollen), setzt im Hintergrund ein Lastzug zurück, ein Zug mit Dreiachs-Anhänger. Der Fahrer kann´s jedenfalls, eine Tugend, die vielen Rittern der Landstraße, die heute auf dem Bock sitzen, abgeht. Wenn ich die Rangiermanöver hier vor unserer Tür (im realen Leben) betrachte, falle ich manchmal vom Glauben ab. 100 Meter weiter kommt eine Brücke mit 3,40m Durchfahrtshöhe und trotz vieler Schilder schaffen es jede Woche so 4-6 Spezialisten, bis hierher vorzudringen, ehe sich die Schilder und deren Bedeutung in ihr Bewusstsein vorgearbeitet haben. Wahrscheinlich hören sie nur auf die sirenenhafte Stimme ihres Navis - und die Dame ist anscheinend nicht immer richtig gut informiert. Dann müssen sie wenden! Und obwohl sie es mit dem Sattelauflieger erheblich einfacher haben, geht das so manches Mal erst im dritten oder gar vierten Anlauf. Einige habe wahrscheinlich in der Fahrschule gefehlt als es ums Rückwärtsfahren ging. Ist ja auch nicht trivial, weiß ich aus eigener Erfahrung, schließlich bin ich früher mit einem solchen Lastzug zwischen Dortmund-Lindenhorst und Salzkotten hin und her gefahren, saueres Paderborner Landbrot auf der Ladefläche. Rangieren mit dem Zug auf den engen Höfen vor den Rampen inbegriffen. Sobald der etatmäßige Fahrer krank war oder Urlaub hatte, habe ich bei Reineke Fuchs die karierte Bäcker-Hose gegen die Jeans getauscht und bin gefahren, Nacht für Nacht. Äußerst lukrativ, denn es gab 50% steuerfreien Aufschlag für die Nachtstunden. Lang lang ist´s her, seit 2021 wird in Salzkotten nicht mehr gebacken, in Lindenhorst schon lange nicht mehr.

In Timmerbruch der Epoche III jedenfalls läuft der Laden noch. Und wie. Das Leben ist jetzt überall eingekehrt, ich habe alle möglichen Figuren aufgeklebt und so für Betrieb außerhalb der Gleise gesorgt. Der faule Sack hier müht sich gerade mit der Bäckerblume ab, jenem legendären Mehl der 60er. Wurde auch bei uns zu Hause angeliefert und mit einem Aufzug auf den Mehlboden über der Backstube gezogen. Die Maschine hatte irgendwie ihre Wurzeln im Mittelalter, war später mit einem Elektromotor mobilisiert worden und ich weiß nicht, ob da jemals der TÜV oder andere drauf geschaut haben. Es war jedenfalls abenteuerlich, wenn die Mehlsäcke an der Kette hingen und unten die Arbeiter auf dem anliefernden Wagen standen, direkt unter der schwebenden Last. Natürlich ohne Schutzhelm oder so. Als Kinder fanden wir das immer toll, wenn das Mehl in die Luft ging. Hier darf es nur mit der Sackkarre fahren...

Der Sand hat es gut - er wird nach der Bootsfahrt in den offenen Wagen vom Hafen ins Innland kutschiert.

Da auch in Timmerbruch die V36 schon Seltenheitswert hat, wird sie an der Überwerfung gebührend empfangen und abgelichtet. Einige fotowütige Eisenbahnfreunde haben sich hier aufgestellt, um die Übergabe auf die Platte zu bannen. Besser: auf den Film, denn in Epoche III wurde ja auf Film geknipst, meisten auf ORWO, konkurrenzlos günstig aus der DDR, vorher "die Zone", dann die "so genannte DDR". Der Film war sehr feinkörnig. Ich habe meine Filme damals selbst entwickelt, in der Tageslicht-Entwicklerdose und anschließend die Fotos auch selbst aufs Papier gebracht. Die eigene Dunkelkammer gehörte in den 70ern einfach dazu. Hp1 und Vr2 zeigen an, dass der Lokführer beim nächsten Hauptsignal Hp2 erwarten und daher langsam machen muss - aber die V36 war ja eh keine Rennziege...

Sie kommen auf ihre Kosten! Damals hat man sich ja schon ein wenig mehr Gedanken gemacht vor dem Druck auf den Auslöser, auch wenn es schnell gehen musste. Letztlich war das Filmmaterial endlich. Anders als heute, da wird wie blöd geknipst. Und meistens haben die Ergebnise auch kein anderes Adjektiv verdient als "Knipserei". Auch ich war damals "ernsthaft" unterwegs, die schwere Fototasche auf der Schulter (wahrscheinlich kommen meine Rückenprobleme daher). Schwer war sie wirklich, diese Tasche, eigentlich ein Koffer. Immerhin war neben dem 28er und dem Portrait-Tele mit 135mm Brennweite immer auch das 300er mit am Start. Und machmal sogar die Mittelformat-Kamera. Da es für eine Hasselblad nie gereicht hat, war es "nur" eine Yashica 6x6. Eine schöne Zeit!

Zurück zum Sand: damit das Entladen schneller geht, habe ich die Sperrholzbrettchen...

...zunächst mit je drei Unterlegscheiben beklebt. Damit waren dann auch die drei Sandhügel vorgegeben, vom beladenden Bagger geformt.

Anschließend wurde die Oberfläche mit Spachtelmasse modelliert und dann mit fein gesiebtem Sand und meinem Standardkleber für solche Fälle fixiert: reinem Latex! Trocknet matt und transparent auf und ist - im Vergleich zu den "Spezial-Klebern" der Modellbahnbranche - spottbillig.

Vorher schon mal etwas Farbe auf die dunkle Spachtelmasse - sieht blöd aus, wenn da an einigen Stellen das Schwarz durchleuchtet. Mit einem Magneten lassen sich die Teile nun schnell aus den Wagen holen. Klappt prima! Wie es am Ende ausschaut: siehe oben!

Auf der Jontorfer Allee in Richtung Jontorf überholt am Bahnübergang gerade ein Citroen AK einen Radler - das war lange Zeit meine Lastenente. Ich habe das Modell etwas aufgepimpt, denn der reale AK war mit so manchen Teilen vom Schrottplatz aufgewertet worden. Peilstangen waren ein Muss! 32 PS trieben die Ente auf bis zu 90km/h, im Windschatten niederländischer Laster konnte man mit dem Boliden sogar lange Autobahnsteigungen meistern - Windschattenfahren, von 2CV-Mobilisten damals oft geübtes Verfahren zum Vorwärtskommen. An die Gefahr darf ich gar nicht denken...

Hier ein Blick auf das Original, am Strand kurz vor Skagen, schon damals bevorzugtes Urlaubsziel. Dem Studienort geschuldet mit DT statt DO.

Noch nicht ganz fertig - es fehlen Fahrer und Kommandant (seit Monaten bestellt, Lieferkette anscheinend zusammengebrochen) - ein M113 kämpft sich die Steigung nach Jontorf hoch. Szene aus meinem Leben, Erinnerung an den Barras: Als Fahrer und Funker war ich für den M113 703 verantwortlich, einen zum Funkpanzer umgebauten Mannschaftstransportwagen MTW. Sieben-Null-Drei ist eine echte Scheißkarre. Batterieprobleme von Beginn an. Er konnte praktisch nur mit Netzanschluss fahren. Als ich mal krank war und mein Vertreter nicht daran dachte, nach dem Wochenende am Ladegerät die Stopfen auf die Zellen zu drehen, explodierten die Batteriegase. Das ganze linke Heck platzte auf, der "Panzer" - Battle-Taxi - war ja aus Aluminium gefertigt. Das Ende von Sieben-Null-Drei. Zum Glück wurde niemand verletzt. Ich habe ihn gerne gefahren, meinen M113. Mit 200PS zwar etwas untermotorisiert, machte es im Gelände trotzdem einen Riesenspaß. Technik pur. Schon geil, so eine Durchfahrt durch ein Wasserloch, die Bugwelle vorn höher als der Panzer. Wer Gas wegnahm, dem schwappte das Wasser in die Luken. Immer eine Mutprobe, man wusste ja nie, wie tief so ein Loch tatsächlich war. Dass der M113 in Diensten der US-Army auf dem Pressefoto des Jahres 1966 zu sehen war, in Vietnam, habe ich irgendwann später bei einer Protestveranstaltung gegen den Vietnam-Krieg festgestellt. Am Heck hatte man einen Menschen angebunden, der gerade zu Tode geschleift wurde. Da war´s dann vorbei mit den schönen Erinnerungen an Sieben-Null-Drei. Vortan war es ein anderes Bild, das sich im Gehirn breit machte beim Gedanken an den MTW.

Und er hat mich einmal sogar beinahe umgebracht, der Sieben-Null-Drei! Nachtfahrt in einem Manöver im Lipperland, Linkskurve. Um diese zu nehmen, muss die linke Kette etwas abgebremst werden. So werden Kettenfahrzeuge ja gelenkt, durch gezieltes Bremsen einer Kette. Als ich den linken Bremshebel anziehe, spüre ich keinen Widerstand. Er lässt sich bis zum Anschlag bewegen: Die Bremse ist defekt, damit lässt sich das Fahrzeug nicht mehr lenken - und auch nicht mehr bremsen! Wir rasen mit 60km/h auf den rechten Straßenrand zu, Bäume, dahinter Dunkelheit. Klar hat der M113 ein zweites Bremssystem, Scheibenbremsen, der deutschen Straßenverkehrsordnung geschuldet. Sogar jedes Fahrrad braucht zwei unabhängige Bremssysteme. Aber was lernt der M113-Fahrer von Beginn an: Finger weg! Die Scheibenbremsen kennen nur zwei Zustände, gelöst und fest. Sie sind bestens geeignet, um den Panzer "um eine Kette" drehen zu lassen, aber bei voller Fahrt, so alle Ausbilder, blockiert schlagartig die Kette. Das kann zum Überschlagen des Fahrzeugs führen, tödlich für die Besatzung, da Kommandant und Fahrer ja oben aus dem Panzer herausschauen. Zudem ist der M113 berüchtigt dafür, schnell in Brand zu geraten, wenn er auf dem Deckel liegt. Der M113 G (für Germany) läuft mit Benzin! Fluchtmöglichkeiten gibt´s dann keine, denn der Panzer wird über die Luken und eine Klappe an der Oberseite verlassen. Die große hydraulische Rampe am Heck wird sich in einem solchen Fall nicht mehr bedienen lassen und die schwere Hecktür müsste hochgedrückt werden - keine Chance!

Da der rechte Straßenrand und mit ihm ein Baum auf mich zurast, bremse ich leicht rechts, komme so knapp am Baum vorbei und der 12-Tonnen-Koloss schießt in die Böschung und einen Abhang hinunter. In die Dunkelheit. Ungebremst. Der Schalthebel ist schon vorn, trotzdem schaltet die Automatik nicht herunter, das würde uns bremsen. Also noch ein kräftiger Stoß an den Hebel, der Rückwärtsgang springt zum Glück ein und mit hässlichem metallischen Gekreisch und Geschepper kommt der M113 zum Stehen. Der Kommandant hat sich den Kopf angeschlagen, die Lippe blutet. Ich konnte ihn nicht warnen, es ging alles zu schnell. Wir steigen ab - Riesenglück gehabt. Nicht auszudenken, wenn das an einer anderen Stelle passiert wäre, etwa mitten in einem Ort oder auf einer Brücke...


Betanken von 703 - ich bin der, der arbeitet. Also alles wie immer.

Funkbereitschaft herstellen, Notruf absetzen - wir sind ja Funker. Der Oberfeld rast im Geländewagen heran, ist zuerst stinksauer. Doch als er sich selbst auf den Fahrerplatz setzt und am linken Bremshebel zieht, schaut er mich nur lange an, klopft mir dann auf die Schulter "Gut gemacht, das hätte ins Auge gehen können". Zwei Monate brauchen die Kameraden vom InstZug, um den Schaden an Getriebe und Wandler zu beseitigen. Ich bin jeden Tag dabei, geruhsamer Dienst, lerne viel über die Technik von Kettenfahrzeugen. Zwischendurch Vernehmungen, ich habe ja immerhin Volkseigentum schwer beschädigt. Warum ich die Scheibenbremse nicht benutzt habe und in welcher Handreichung denn stehe, dass das gefährlich sei? Natürlich steht das nirgendwo, schriftlich findet man dazu nichts, denn das hätte den M113 die Straßenzulassung gekostet. Ich rege an, dass doch ganz einfach mal auf dem Truppenübungsplatz zu testen, bei moderater Geschwindigkeit. Das ist den Herren dann aber doch zu gewagt, so verläuft alles im Sande und ich werde belobigt für umsichtiges Handeln und gute Reaktion. Natürlich nur mündlich. Heute, 2023, darf der M113 wegen vieler Sicherheitsmängel nur auf Grund von mehreren Ausnahmegenehmigungen überhaupt betrieben werden. Ein Nachfolgemodell ist noch nicht wirklich in Sicht, kostet zu viel...

Auch das habe ich inzwischen fertig - Grillszene am Güterbahnhof. Natürlich nicht ganz legal und der Rangierer meckert auch schon, aber die Jungs haben es hier mit ihren propperen Mädels richtig gemütlich. Man/frau entspannt sich hier, hängt ab, "chillt" wie man heute auf neudeutsch sagt. Die Kiste Stauder ist schon niedergemacht. Stauder übrigens nicht weil ich es mag (die Essener mögen mir verzeihen), aber der kleine Wasserlauf, der hier bei Timmerbuch in die Timmer mündet, ist die Staude, darum heißt das hier gebraute Bier eben Stauder. Durch diesen kleinen geografischen Kunstgriff kann ich die schönen Bierwagen der Stauder-Brauerei einsetzen. Doof, dass sich die Rothaarige genau VOR den Grill stellt, denn der ist der eigentliche Hingucker...

Das Problem war nämlich der Grill. Die üblichen Verdächtigen in Sachen Figuren & Co (Preiser, Merten, Noch usw.) haben "Grillszenen" nur mit den heute überall herumstehenden Groß-Grills im Angebot. Grillt ja heute kaum noch jemand, man "smoked" und hat statt des kleinen Standard-Grills lieber eine komplette Küche, wenigstens aber einen High-Tech-Grill am Start. Weber-Grills gibt es mehrere auch im Maßstab 1:87 - sauteure Geräte, auf denen dann das Ein-Euro-Fleisch von ALDI schmort. Egal, auf jeden Fall habe ich so einen typischen Koffergrill gefunden, so einen, wie man ihn eben zu einem nicht ganz koscheren Abenteuer mitnehmen kann. Geätzt aus Messingblech, die Details so winzig, dass man sie kaum anzufassen wagt. Selbst Würstchen und Steaks sind mit am Start. Beim Streichen muss man echt aufpassen, dass man sich die vielen kleinen Zwischenräume nicht zukleistert. EXTREM piepselige Angelegenheit. Aber klappt.

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